Alte Giftgasfabrik bei Halle als Zeitbombe
86 Prozent des deutschen Senfgases produzierten die Nazis in Halle-Ammendorf. 80 Jahre später weiß niemand, was im Boden geblieben ist.
Die Bürgerinitiative „Orgacid“ kämpft seit 30 Jahren für eine genauere Untersuchung und Sanierung des Geländes.
Bericht in der BZ vom 14.5.2026 (Bezahlschranke):
Auszug:
Bis zum Ende des Krieges produzierte das NS-Regime in Ammendorf gewaltige Mengen: rund 26.000 Tonnen Lost. Heute weiß man, dass 86,2 Prozent der gesamten deutschen Senfgasproduktion hier stattfanden. Mehr als 5500 Tonnen wurden in über 61.000 Bomben verfüllt, und das per Vakuum, denn schon ein kleines Leck hätte verheerende Folgen gehabt.
Nach Kriegsende 1945 besetzten US-Soldaten das Gelände. Sie fanden dort 625 Tonnen Senfgas und 600 Tonnen Arsenpulver vor. Ein Jahr später nahmen sowjetische Truppen das Gelände in Beschlag und sprengten alles. Von 74 Gebäuden blieben nur sieben übrig. Den überwiegenden Bestand an noch vorhandenem Lost verbrannten sie unkontrolliert im Kesselhaus des benachbarten Plastwerks. Heute, 80 Jahre später, stehen von den ursprünglichen Gebäuden nur noch zwei.
[…]Dass Erich Gadde sich mit der Geschichte der Kampfstofffabrik so gut auskennt, ist nicht allein seiner Zeit als Rangierleiter geschuldet. […] Sein Bruder Wolfgang stirbt zu früh, genau wie viele andere, die hier gearbeitet haben. Die Schwiegermutter erkrankt an einem Hirntumor, der Schwiegervater an Hautkrebs, seine Frau leidet seit Jahren an Depressionen. Bei Gadde selbst diagnostizieren die Ärzte Lungenfibrose. Irgendwann beginnt er, die Namen aufzuschreiben. Nicht nur die seiner Familie, sondern auch die seiner ehemaligen Kollegen, Nachbarn und Anwohner. Heute stehen rund 70 Namen auf dieser Liste. Die Diagnosen reichen von Leukämie über Pankreaskrebs bis Hodenkrebs und Hirntumor. Auch die Todesdaten notiert Gadde akribisch. Er führt eine Liste, die niemand führen wollte, aber jemand musste es tun. „Wir sind die letzten Zeitzeugen, die noch irgendwas belegen können“, sagt Gadde. […]
Wie man eine Altlast vergisst
Nach 80 Jahren liegt noch immer keine abschließende Gefahrenbewertung für das Gelände der ehemaligen Kampfstofffabrik Orgacid in Halle-Ammendorf vor. Auf die Frage, woran das liege, antwortet die Stadt Halle mit einem Verweis auf Untersuchungen aus den frühen 1990er-Jahren. Damals habe sich „kein weiterer Handlungsbedarf“ ergeben. Was zwischen 1956 und 2026 auf dem Gelände geschehen ist und vor allem, was nicht geschehen ist, lässt sich als eine Reihe verpasster Gelegenheiten erzählen. […]
