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Sammlung mit Basisinfos und aktuellen Beiträgen
.. Chemische Waffen

Chemie im Kriegseinsatz

20.07.202620.07.2026

Der nachfolgende Beitrag von Jan Pehrke erschien im Magazin „Stichwort Bayer“ des CBG-Network.

Siehe auch früheren Beitrag dazu:

Israelische Kriegsführung: Glyphosat als Chemie-Waffe im Einsatz

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  • Die Lieferkette
  • Das Trump-Dekret
  • Kriegsrecht

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Die israelische Armee verwendet im Südlibanon das Herbizid Glyphosat und sein Vorprodukt Phosphor als Waffen. Ist der BAYER-Konzern Teil der militärischen Lieferkette? Das Stichwort BAYER ging dieser Frage nach.

Der gegenwärtige Nahost-Krieg ist auch ein Chemie-Krieg. So nutzt die israelische Armee IDF das Herbizid Glyphosat, um aus dem Südlibanon eine menschenleere Pufferzone – eine sogenannte Sicherheitszone – zu machen. Auch dessen Vorprodukt elementarer Phosphor findet bei solchen Militär-Aktionen Verwendung. Die Mittel dienen dazu, Ackerböden zu zerstören und den LandwirtInnen so ihre Existenz-Grundlage zu nehmen.

Glyphosat kommt dabei nach Angaben staatlicher libanesischer Quellen in Konzentrationen zur Anwendung, die die übliche Dosierung um das 20-30-Fache übersteigt. Dementsprechend kontaminiert sind die Böden. Neben Glyphosat-Rückständen stießen WissenschaftlerInnen auf Phosphorsäure und andere Abbau-Produkte wie Cadmium, Blei und Zink.

Tausende Hektar an Anbau-Flächen gingen so schon verloren. Der libanesische Präsident Joseph Aoun nannte das „einen eklatanten Verstoß gegen die libanesische Souveränität und ein Umwelt- sowie Gesundheitsverbrechen“. Das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte bewertete das Ausbringen von Glyphosat als „ein ernsthaftes humanitäres Risiko“. Für Alessandra Vellucci, Direktorin des Informationsdienstes der Vereinten Nationen (UNIS) in Genf, stellten sich derweil nicht nur Fragen nach den unmittelbaren Auswirkungen, sondern auch danach, „wie sich dies langfristig auf die Rückkehr der Zivilbevölkerung in ihre Häuser und auf ihre Lebensgrundlagen auswirken könnte“.

Den Phosphor gebraucht die israelische Armee auch, um die Menschen im Südlibanon zum Verlassen ihrer Häuser zu bringen. Zu weißem Phosphor verarbeitet, steckt es in Artillerie-Geschossen, die in der Luft explodieren und als Rauch- und Brandbomben wirken. Human Rights Watch hat einen solchen Einsatz für den 3. März in der Gegend um Yohmor dokumentiert. Ihm ging eine Aufforderung an die BewohnerInnen der Stadt sowie von 50 weiteren kleineren oder größeren Ortschaften im Umkreis voraus, ihr Bündel zu schnüren. Sie sollten sich „mindestens 1.000 Meter von den Dörfern weg auf offenes Gelände begeben“, so die Anweisung des israelischen Militärs.

Zwischen dem 3. März und dem 17. Mai 2026 gingen nach Angaben der libanesischen Initiative Public Works über 36 Regionen im Südlibanon Phosphor-Geschütze nieder. In ihrem Report „Kartographie der Zerstörung. Israels Krieg gegen den Libanon“ verzeichnete die Partner-Organisation von MEDICO INTERNATIONAL seit dem 8. Oktober 2023 das Abfeuern von 397 Phosphor-Geschossen. Die Bomben produzieren Nebelwände enormen Ausmaßes und schützen nach israelischen Angaben auf diese Weise die eigenen Truppen.

„Die ganze Stadt wurde weiß“, berichtete ein Bewohner von Dheira, das 2023 im Zentrum eines solchen Einsatzes stand. Noch Tage danach klagte er über Atemnot. Auch sonst ist der weiße Phosphor nicht ohne. Am häufigsten verursacht die Substanz Verbrennungen, weil sie sich in Kontakt mit Sauerstoff zumeist sofort entzündet. Und wenn die Geschosse – wie das Human Rights Watch zufolge manchmal der Fall ist – über hundert in Phosphor getränkte Filz-Stücke enthalten, erstreckt sich der Wirkungsbereich auf Flächen von bis zu 250 Metern Durchmesser. Mit nicht selten verheerenden Folgen. „Die Brand-Wirkung von weißem Phosphor kann zum Tod oder zu grausamen Verletzung führen, die lebenslanges Leid verursachen“, so Ramzi Kaiss von HUMAN RIGHTS WATCH. Zu den anderen Nebenwirkungen zählen Herz/Kreislauf-Probleme sowie Nieren- und Leberschäden. Hunderte Geschädigte gibt es bereits.

Israel hat weißen Phosphor, Glyphosat und andere Herbizide schon zu früheren Zeiten in Nahost-Konflikten zur Anwendung gebracht, im Libanon bereits 1982 und 2006 wieder sowie 2008/09 und 2014-2018 in Gaza. Und auf Pestizide griff die IDF in diesem Jahr nicht nur im Libanon, sondern auch in Syrien zurück. „Das Nordkommando setzt seit mehreren Wochen zivile Sprühflugzeuge ein, um Flächen in der Nähe des Grenzzauns in Syrien und im Libanon zu behandeln und Vegetation zu vernichten, unter deren Deckung sich Terroristen nähern könnten“, vermeldete der israelische TV-Kanal i24News am 2. Februar.

Damit drängen sich Vergleiche zum „Herbicidal warfare“ mit Agent Orange im Vietnam-Krieg auf. Die jetzige BAYER-Tochter MONSANTO zählte damals zu den Hauptlieferanten des Pestizids, aber auch der Leverkusener Multi trug das Seinige dazu bei, das Chemiewaffen-Arsenal der US-Streitkräfte aufzufüllen. Heute steht er ebenfalls in dringendem Tatverdacht. Der Agro-Riese deckt nach eigenen Angaben nämlich rund 40 Prozent des globalen Glyphosat-Marktes ab, dahinter folgen chinesische Firmen. In der israelischen Einfuhr-Statistik für 2024 dreht sich die Reihenfolge um. Diese führt China als Top-Importeur von Glyphosat an, dahinter kommen Deutschland, die Schweiz, Belgien und Großbritannien.

Die Lieferkette

Was die Phosphor-Geschütze angeht, so ist zumindest für 2023 Art und Herkunft eindeutig belegt. Nach Recherchen von Amnesty International handelte es sich um 155-Millimeter-Artillerie-Geschosse der M-825-Serie aus US-amerikanischer Produktion. Das ging aus ihren Kennnummern hervor. „PB-92“ verweist auf das US-Waffenarsenal in Pine Bluff und 92 auf das Produktionsjahr; „THS-89“ auf das Unternehmen Thiokol Aerospace, das am Standort Minden in Louisiana bis 1994 eine Munitionsfabrik betrieb.

Und damit führt die Spur zum BAYER-Konzern, denn in den USA stellt nur er bzw. seine Tochter-Gesellschaft MONSANTO elementaren Phosphor – Phosphor in Reinform – her. Nahe der Glyphosat-Produktionsstätte Soda Springs fördert das zu MONSANTO gehörende Unternehmen P4 PRODUCTION in einer Tagebau-Mine Phosphorit und gewinnt daraus dann elementaren Phosphor. Der Global Player selbst erklärt dazu: „Elementarer Phosphor kommt in der Natur nicht frei vor. Um ihn für diese verschiedenen Anwendungen herzustellen, muss er aus Phosphat-Erz gewonnen werden. Dies geschieht in einem Verfahren, bei dem hochreiner Kohlenstoff eingesetzt wird, um dem Phosphat den Sauerstoff zu entziehen, sodass reiner elementarer Phosphor zurückbleibt. Weltweit gibt es nur wenige Standorte, an denen alle erforderlichen Voraussetzungen – geeignete Lagerstätten, technische Anlagen und Rohstoffe – für die Herstellung von Phosphor vorhanden sind. Auf dem amerikanischen Kontinent ist der einzige solche Standort Soda Springs im US-Bundesstaat Idaho. Weitere bedeutende Quellen für Phosphor befinden sich in Kasachstan, China und Vietnam.“

So taucht MONSANTO als Phosphor-Produzent dann auch in offiziellen Dokumenten des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums auf. Bei einem dieser Schriftstücke handelt es sich um eine Ausschreibung, in dem die Armee Lieferanten für das von MONSANTO produzierte Phosphor sucht, denn das Unternehmen beliefert die Armee nicht direkt. Diese Ausschreibung gewann die israelische Chemie-Firma ICL.

Dazu gibt es noch ein zweites Dokument. In diesem beschwert sich ein Konzern, der bei der Ausschreibung zu kurz gekommen ist – PERIMETER – über die Auftragsvergabe. Dort heißt es unmissverständlich: „Perimeter Solutions aus Clayton, Missouri, legt Protest gegen die Vergabe eines Vertrags an ICL-IP America, Inc. aus Saint Louis, Missouri, ein. Der Vertrag wurde im Rahmen der Ausschreibung Nr. W52P1J20R3006 vom Heeresamt für eine bestimmte Menge weißen Phosphors, hergestellt von Monsanto, vergeben.“

Das Trump-Dekret

Die große Bedeutung für die militärische Verwendung von Phosphor und Glyphosat geht auch aus dem Dekret Donald Trumps vom 18. Februar 2026 hervor. Diese Executive Order trägt nämlich die Überschrift:

„Förderung der Landesverteidigung durch die Sicherstellung einer ausreichenden Versorgung mit elementarem Phosphor und Herbiziden auf Glyphosat-Basis“. Als „in Verteidigungslieferketten allgegenwärtig und daher von entscheidender Bedeutung für die militärische Einsatzbereitschaft und die nationale Verteidigung“ bezeichnet das Dekret Phosphor, den Trump bereits im November 2025 als kritischen Rohstoff unter besonderen Schutz gestellt hatte. „Eine zukünftige Verringerung oder die Einstellung der inländischen Produktion von elementarem Phosphor und glyphosat-basierten Herbiziden würde die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten ernsthaft gefährden“, hält es deshalb fest.

Auf der Bilanzpressekonferenz im März 2026 brachte BAYER-Chef Bill Anderson seine Freude über diese Wertschätzung von Glyphosat und Phosphor zum Ausdruck, die er als Rückenstärkung in den juristischen Auseinandersetzungen um das von der Weltgesundheitsorganisation als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestufte Herbizid empfand. „Wir teilen diese Ansicht und werden die Verordnung umsetzen“, sagte Anderson. Auf der Hauptversammlung Ende April bestätigte der Leverkusener Multi das noch einmal. Frühere Belieferungen der US-Army stritt er allerdings trotz der von der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) präsentierten Dokumente ebenso ab wie den Einsatz von Glyphosat und weißem Phosphor made by BAYER im Südlibanon.

Unterdessen beschäftigt der chemical warfare im Südlibanon mittlerweile internationale Institutionen. Im März 2026 musste der israelische UN-Botschafter Danny Danon nach einer Eingabe Libanons vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zur Verwendung von weißen Phosphor Stellung nehmen. Konkret konnte oder wollte er dazu allerdings nichts sagen. Es blieb bei der Beteuerung: „Wir tun alles, um zivile Opfer zu vermeiden.“ In Sachen „Glyphosat“ hat der Libanon sich ebenfalls an den Sicherheitsrat gewandt. Da steht eine Reaktion allerdings noch aus.

Die Bundesregierung war nach einer Anfrage Ina Latendorfs von der Partei „Die Linke“ auch bereits gezwungen, sich mit dem Sachverhalt zu befassen. „Nach Auffassung der Bundesregierung muss jede militärische Maßnahme in einem bewaffneten Konflikt im Einklang mit dem humanitären Völkerrecht stehen. Diese Haltung bringt die Bundesregierugn auch im Austausch mit den Regierungen in der Region regelmäßig zum Ausdruck“, erhielt sie zur Antwort.

Auf eine entsprechende Anfrage von Abgeordneten der europäischen Links-Fraktion hin äußerte sich die EU-Außenbeauftrage Kaja Kallas etwas ausführlicher als Merz & Co. „Der Einsatz chemischer Waffen durch irgendjemanden, überall, jederzeit und unter jeglichen Umständen stellt einen Verstoß gegen das Völkerrecht dar“, hielt sie fest. Dabei verwies Kallas sowohl auf die Chemiewaffen-Konvention als auch die UN-Konvention zum „Verbot der militärischen oder sonstigen feindlichen Nutzung umweltverändernder Techniken“ (ENMOD), welche die Vereinten Nationen 1976 unter dem Eindruck von Vietnam verabschiedet hatten.

Kriegsrecht

Israel erklärt, sich bei dem Einsatz der Phosphor-Bomben an internationales Recht zu halten. Das erscheint jedoch zweifelhaft. Zudem erweisen sich die entsprechenden Bestimmungen als unzulänglich. So gelten mit weißem Phosphor bestückte Geschosse offiziell nicht als Chemie-Waffen, weil zuvörderst keine chemische Wirkung beabsichtigt ist. Dass die Bomben diese trotzdem entfalten, interessiert da nicht weiter. Wegen ihrer Feuergefährlichkeit und Fähigkeit, große Rauchwände zu erzeugen, zählen sie zu den Brandwaffen. Für diese ist das Protokoll III der UN-Konvention über bestimmte konventionelle Waffen (CWC) zuständig. Dieses erlaubt die Verwendungen von Bomben zur Schaffung von Nebelwänden tatsächlich im Grundsatz, macht allerdings bedeutende Einschränkungen: Sie dürfen nicht gegen ZivilistInnen zum Einsatz kommen und auch nicht gegen ein militärisches Ziel, „das sich innerhalb einer Ansammlung von Zivilisten befindet“. Überdies verbietet das Protokoll ausdrücklich, „Wälder oder andere Arten von Pflanzenbewuchs anzugreifen“.

Und genau solche Verletzungen der Konvention liegen im Südlibanon vor, weil die IDF die Phosphor-Geschosse über Wohngebieten und über Ackerflächen abfeuerte.

Für Glyphosat gilt dagegen die Chemiewaffen-Konvention, da diese nach Vietnam eine bedeutende Änderung erfuhr. Die überarbeitete Fassung betrachtet jede Chemikalie als chemische Waffe, wenn sie als solche eingesetzt wird, und untersagt einen solchen Gebrauch.

Das Weitere regelt die von Kaja Kallas zitierte ENMOD-Konvention, die es definitiv nicht zulässt, „Vegetation zu vernichten, unter deren Deckung sich Terroristen nähern könnten“, wie es der Sender i24News ausdrückte.

Auch für Human Rights Watch hat Israel im Libanon internationales Recht gebrochen. Die Organisation kritisiert die Folgen der israelischen Militär-Operationen, bei denen Phosphor, Glyphosat & Co. noch nicht einmal zu den Hauptwaffen zählen, massiv. „Die Möglichkeit, dass die Hisbollah einige zivile Gebäude in den Grenzdörfern des Libanons für militärische Zwecke nutzt, rechtfertigt nicht die großflächige Zerstörung ganzer Dörfer entlang der Grenze“, so Ramzi Kaiss. Die Bilanz bisher: Tausende Tote und rund eine Million Vertriebene.

Die CBG hat sich immer wieder mit BAYERs Chemiewaffen-Tradition beschäftigt, die bis zum Ersten Weltkrieg zurückreicht. Auch zu den neuesten Fällen entfaltete sie viele Aktivitäten. Die Coordination thematisierte die Kriegsverwendungsfähigkeit von Glyphosat und Phosphor im Zuge der Ostermärsche, setzte den Dual-Use der beiden Stoffe auf die Tagesordnung der BAYER-Hauptversammlung, gab Interviews dazu und nahm gemeinsam mit PUBLIC WORKS an einer von MEDICO INTERNATIONAL organisierten Pressekonferenz zur Lage im Libanon teil. Und sie wird dranbleiben.

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