Gegenkonversion: Reaktivierung von Kasernen statt Wohnungen
Bild: Screenshot aus Video mit leer stehenden Unterkunftsgebäuden der Coleman-Barracks in Mannheim
Erweiterte Fassung eines Beitrages von Karl-Heinz Peil für das FriedensJournal Nr. 3-2026
Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) veröffentlichte am 25.3.2026 mit dem Titel „Kasernen statt Wohnungen“ mehrere Beiträge mit eigenen Recherchen über 200 alte Militärgrundstücke in Deutschland, die für die Bundeswehr reaktiviert werden sollen. Dieser Stopp von Plänen zur zivilen Nutzung wurde bereits im Herbst letzten Jahres von Boris Pistorius veranlasst. Das RND zitiert dazu aus einem Brief von Pistorius an eine Linken-Abgeordnete, worin es heißt:
„Soweit sich wegen der Bedarfe der Bundeswehr städtebauliche Überlegungen und planerische Anstrengungen der Städte und Gemeinden im Rahmen der Konversion einzelner Areale nun vorerst nicht mehr realisieren lassen, gibt es für Entschädigungsleistungen keinen rechtlichen Anspruch.“
Die daraus sich ergebenden Konsequenzen sind vielfältig.
Nach RND-Recherchen haben Städte und Gemeinden bundesweit mindestens zwölf Millionen Euro in durch die Bundeswehr gestoppte Pläne investiert, mit denen Ex-Militärareale für eine zivile Nutzung umgewandelt werden sollten.
Diese Kommunen müssen nicht nur ihre Kosten abschreiben, sondern verlieren auch längst eingeplante Wohnviertel, Schulgebäude oder Gewerbegebiete. Nicht nur die Kostenbelastung für die ohnehin dramatisch unterfinanzierten Kommunen ist hierbei das Problem, sondern die fehlende Planungssicherheit, die zur Erschließung neuer Baugebiete notwendig ist. Denn ob die Bundeswehr die Grundstücke tatsächlich zurück fordert bzw. benötigt, ist derzeit zumeist noch völlig offen.
Insbesondere für den Wohnungsbau ist dieses eine Katastrophe, da diese Investitionssperre zu einem Zeitpunkt erfolgt, wo der Umbau neu gebauter Wohnungen sinkt, trotz dramatisch wachsender Wohnungsnot.
Übersicht mit ausgewählten Standorten
Cuxhaven: ehem. Hinrich-Wilhelm-Kopf-Kaserne
Aurich: ehem. Blücher-Kaserne
Wilhelmshaven: Ebkeriege-Kaserne
Berlin: Flughafen Tegel
Strausberg: ehem. Kaserne Mühlenweg
Celle: ehem. Trechard Barracks
Bielefeld: ehem. NAAFI-Gelände
Gütersloh: ehem. Masergh-Barracks
Paderborn: ehem. Dempsey-Kaserne
Krefeld: ehem. Francisca Barracks
Düsseldorf: ehem. Bergische Kaserne
Siegen: ehem. Munitionslager Wellersberg
Koblenz: Rheinliegenschaft (derzeit techn. Behörde der Bundeswehr)
Bischheim (RLP): Teile von ehemaligen Munitionslager (großflächige Rodungen)
Kaiserslautern: ehem. Quartermaster-Depot
Heidelberg: ehemalige Patrick Village (teilweise)
Ellwangen: Reinhardt-Kaserne
Bamberg: ehem. Munitions-Bunker
Regensburg: ehem. Pionierkaserne
Fürstenfeldbruck: Fliegerhorst
Sonthofen: Jäger-Kaserne
Die Beispiele Heidelberg und Mannheim
In Heidelberg soll im ehemaligen Patrick Henry Village ein neuer Stadtteil mit Wohn- und Gewerbeflächen entstehen. Unsicher ist jetzt, welcher Anteil der vorgesehenen Fläche für die Bundeswehr abgezweigt werden soll.
In Mannheim erfolgte nach dem Abzug des US-Militärs an den über das Stadtgebiet verteilten Standorten ein umfassender Konversionsprozess mit Bürgerbeteiligung. Die Rückgabe des mit Abstand größten Areals, der Coleman-Barracks, wurde allerdings 2015 gestoppt für die Einrichtung eines Instandhaltungszentrums der US Army.
US-Militär blockiert freigewordene Flächen
Es geht deshalb nicht nur um den wachsenden Platzbedarf für die Bundeswehr auf derzeit nicht mehr genutzten Liegenschaften. Das US-Militär hat in den letzten Jahrzehnten die meisten Standorte im süddeutschen Raum aufgegeben und sich gleichzeitig auf wenige Standorte stärker konzentriert. Dieses sind vor allem der Großraum Kaiserslautern mit Ramstein und Wiesbaden (nach dem Abzug aus Heidelberg und Mannheim).
Besonders gravierend ist dabei, dass in Kaiserslautern durchaus einige Flächen der US Army ungenutzt sind, aber als Reserve beibehalten werden. Selbst eine kleine Fläche aus dem weitläufigen Areal der US Army, wo die Kommune bereits in eine zivile Nachnutzung investiert hat, soll jetzt für die Bundeswehr bereitgestellt werden.
Gegen Umweltverträglichkeit und Gemeinwohlorientierung
In der Großregion Kaiserslautern ist die Problematik besonders gravierend, da einem angemeldeten Bedarf von 160 ha Gewerbeflächen die militärische Belegung von 3000 ha durch das US-Militär gegenüber steht. Auch die nach dem Umzug des US-Hospitals in Landstuhl in das im nächsten Jahr fertig gestellte neue US-Hospital in direkter Nähe der Air Base Ramstein freiwerdende Fläche wird nicht freigegeben.
Neue Wohn- und Gewerbeflächen „auf der grünen Wiese“ zu errichten, ist jedoch ein sehr langwieriger Prozess, da die Umweltverträglichkeit in regionalen Flächennutzungsplänen auf längere Zeit festgeschrieben ist. Ausnahmeregelungen gibt es aber durchaus. So wie z.B. die Rodung eines Waldstückes von 90 ha im Naturschutzgebiet direkt an der Air Base Ramstein für den Bau des neuen US-Hospitals und eines komplexen Zufahrtskontrollsystems. Dieses erfolgte bereits 2012 – das US-Hospital geht im nächsten Jahr in Betrieb.
Während für Kommunen die genannten Probleme dramatisch sind, gilt dieses nicht für die Landespolitik. So heißt es in dem jüngst verabschiedeten Koalitionsvertrag zwischen CDU und SPD für den Landtag Rheinland-Pfalz:
„Die Bundeswehr genießt unsere vollumfängliche Unterstützung, auch bei der Reaktivierung von Liegenschaften und stillgelegten Kasernen – wie etwa in Kusel. Die Umsetzung des Operationsplans Deutschland begleiten und unterstützen wir aktiv, unter anderem durch die Stärkung logistischer Drehscheiben und resilienter Infrastruktur.“
Und bezüglich der US-Militärpräsenz in Rheinland-Pfalz:
„Die US-Stationierungsstreitkräfte sind für unser Land von herausragender nicht nur sicherheitspolitischer, sondern auch wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. […] Gemeinsam mit den Stationierungsgemeinden setzen wir uns für gute Standortbedingungen ein“.
Karl-Heinz Peil
