Klimakrise: Auch das Resultat der US-Hegemonialpolitik
Auszug aus dem Buch von Mohssen Massarrat: Anatomie der US-Hegemonie – Vom amerikanischen Zeitalter zur multipolaren Welt
Infos zum Buch: https://mediashop.at/buecher/anatomie-der-us-hegemonie/
Worin besteht aber die Verantwortung der USA, wie hier hervorgehoben wird, für die Klimakrise ? Die USA sind mit 115 Milliarden Tonnen und 24 Prozent Weltanteil an dem seit 1850 bis 2021 kumulativ entstandenen CO₂ Mengen der größte Emittent von Treibhausgasen.
Das Hauptinteresse der USA an den Ölquellen des Mittleren Ostens galt, wie oben dargelegt, durch die Kontrolle der Ölstaaten des Globalen Südens für Öl-Überproduktion und Dumpingpreise zu sorgen, die bis zur Ölkrise 1973/74 über ein halbes Jahrhundert auf dem Niveau von 2 Dollar je Barrel auch trotz rapid steigender Nachfrage tatsächlich stabil blieben, um ihren Verbündeten die eigene Hegemonie nachvollziehbar zu machen. In diesem Kontext hatte die politische Kontrolle Saudi-Arabiens und anderer kleinerer Ölstaaten am Persischen Golf mit ihren riesigen Ölreichtümern und einem Anteil von 20 Prozent Exporten auf dem Weltmarkt eine herausragende Rolle. Ein Anruf der US-Präsidenten bei König Saud hätte in der Regel gereicht, um Saudi-Arabien bei drohender Ölknappheit zur Erhöhung der Ölproduktion zu veranlassen. Dadurch wurde dieses Land zu einer faktischen Kolonie der USA, ohne im klassischen Sinne deren Kolonie zu sein. Dafür haben die Vereinigten Staaten der saudischen Herrscherfamilie eine Schutzgarantie gewährt. Dazu diente im Übrigen auch die oben erwähnte Carter-Doktrin von Januar 1980.
Aber genau deshalb, weil die USA aus hegemonialpolitischen Erwägungen dafür sorgten, dass über ein halbes Jahrhundert das Billig-Öl zum Wachstumsmotor der westlichen Welt werden konnte, wurde das System der Öl-Überproduktion und der Öl-Dumpingpreise zu einem entscheidenden Faktor der Entstehung von hoch energieintensiven und fossil-basierten Industrialisierungsmustern in allen kapitalistischen Staaten und vor allem in den USA selbst. Dieses Modell hat zwar in den Vereinigten Staaten und den anderen westlich-kapitalistischen Staaten teilweise sogar zweistellige Wachstumsraten und unglaublich raschen Wohlstand ermöglicht und dadurch auch die Entwicklung der Demokratie durch mehr Verteilungsgerechtigkeit positiv beflügelt. Bekanntlich wurde der Grundstein der Autoindustrie, des Symbols dieses Wohlstandsmodells und des American Way of Life in den USA, in Europa und Japan vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also in der Öl-Dumpingpreis-Ära, gelegt und dadurch ein Industrialisierungsmuster geschaffen, das dem Individual-Verkehrssystem, dem Autobahnbau und generell der energieintensiven Konsumindustrie, also einem auf fossiler Basis geschaffenem Wohlstandsmodell, den Weg ebnete.
Deshalb tragen die Vereinigten Staaten für die seit beinahe einem Jahr- hundert kumulativ angehäuften Treibhausgase die Hauptverantwortung. Sie hatten und haben immer noch aus hegemonialpolitischen Erwägungen ein besonderes Interesse daran, die fossil-basierte Hegemonialfunktion beizubehalten. Die neokonservative US-Regierung Bush Junior versuchte beispielsweise, die nachweislich klimaschädliche US-Kohleindustrie und die Fracking-Industrie durch Subventionierung massiv auszubauen, während gleichzeitig der Ausbau von regenerativen Energietechnologien auf Eis gelegt und damit eine längst fällige Energiewende und klimafreundliche Strategie gezielt blockiert wurde. Auch der US-Präsident Joe Biden hat an dieser klimaschädlichen fossilen Strategie festgehalten, indem er, entgegen seinem Wahlversprechen, das Ziel verfolgte, in der Arktis nach Öl bohren zu lassen, um in den nächsten 30 Jahren 600 Millionen Barrel Öl dort aus dem Boden zu holen. Dadurch konnte und kann weiterhin sichergestellt werden, dass das fossil-basierte Wirtschaftssystem und die darauf beruhenden Hegemonialinteressen der USA weiterhin unangetastet bleiben. Bei einem Energieversorgungssystem auf der Basis von regenerativen Energien würden nämlich die USA sämtliche fossilen Hebel aus der Hand geben, die es ihnen ermöglichten, der Welt und vor allem ihren eigenen westlichen Bündnispartnern ihre Hegemonie aufzuerlegen. In einem auf regenerativen Energien basierten Wirtschaftssystem wären beinahe alle Staaten Energieselbstversorger. Auch die vermeintliche Energiesicherheit und die USA als deren Garant, hätten keinen Stellenwert mehr.
Resümierend kann auf der Basis obiger Analyse also festgestellt wer- den, dass ohne das System der Öldumping-Preise über den langen Zeitraum von mehreren Dekaden die Industrialisierung im letzten Jahrhundert sicherlich einen anderen Verlauf genommen hätte : Generell wären flächendeckend energiesparende Technologien angewandt worden, die eine sukzessive Akkumulation von Treibhausgasen und im Klartext damit die gegenwärtige Klimakrise verhindert hätten. Faire, d. h. allein durch Freihandel und Marktgesetze geregelte Energiepreise schon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten dazu geführt, dass regenerative Energietechnologien mindestens ein halbes Jahrhundert früher massenhaft zum Einsatz gekommen wären. In diesem Kontext erscheint die Aufkündigung des neokolonialistischen Ölausbeutungsvertrages durch Mossadeghs Volksbewegung und der CIA-Putsch gegen Mossadeghs Regierung 1953 auch hinsichtlich der Klimakrise in einem neuen Licht.
