Das Beispiel Aachen: Mehr Fläche für die Bundeswehr
In einem Beitrag der Berliner Zeitung wird über mehrere Beispiele der Flächen-Inanspruchnahme der Bundeswehr berichtet. Nachfolgend Auszüge aus einem Beitrag von Harald Neuber in der Berliner Zeitung (hinter Bezahlschranke) vom 21.10.2026 sowie ein Beitrag der DFG-VK in Aachen zum örtlichen Widerstand:
Mehr Fläche für die Bundeswehr, weniger Spielraum für Wohnungsbau und Umwelt: Kommunen unter Druck
Bundeswehr-Ausbau von Aachen bis Brandenburg, vom Süden bis zur Küste. Wie Militärpläne kommunale Mitsprache aushebeln. Vier Beispiele.
[…] Aachen liegt in einem Talkessel. Was einst ein Vorteil war, ist nun Fluch: An heißen Tagen staut sich die Wärme in den dicht bebauten Vierteln, und was die Stadt nachts abkühlt, ist Kaltluft, die auf solchen Freiflächen entsteht und durch das Tal in die Innenstadt strömt.Warum Grünland für das Stadtklima wichtig ist
Städtische Messstationen registrierten in einer dieser Schneisen im Ostteil der Stadt in einer Nacht Mitte August ein Minimum von 14,5 Grad. Im Zentrum, abseits der Kaltluftbahn, waren es 21,3 Grad. Eine Differenz, erzeugt von Gras und kühlem Boden.
Zweimal, um die Jahre 2000 und 2014, gab es Anläufe, auf diesen Naturflächen Wohnungen zu bauen. Zweimal entschied die Stadt nach Gutachten und Bürgerprotest: Das Grünland bleibt grün.
Es liegt in einem Landschaftsschutzgebiet. Im Regionalplan ist es als regionaler Grünzug ausgewiesen, im Flächennutzungsplan als Belüftungsbahn.
Jetzt will die Bundeswehr dort bauen. Und die Stadt hat kein Vetorecht.
Ein Brief, 30 Tage Frist, kein Veto
Am 1. September 2026 erreichte das Aachener Planungsamt ein Schreiben der Bezirksregierung Köln. Darin wurde deutlich die Absicht des Bundes erklärt, 277.592 Quadratmeter zu erwerben.
Eine Frist für Einwände galt bis zum 30. September – nebst dem Hinweis, der Erwerb sei bis Mitte 2027 „zwingend erforderlich“.
Rechtsgrundlage ist das Landbeschaffungsgesetz aus dem Jahr 1957. Es sieht vor, dass die Gemeinde angehört wird. Mehr nicht. Das letzte Wort haben nicht die Menschen vor Ort, sondern das Verteidigungsministerium im fernen Berlin.
Was die Bundeswehr auf der Fläche plant
Was auf der Wiese entstehen soll, listet das Schreiben nüchtern auf. Ein Verkehrsübungsplatz von rund vier Hektar, wird da genannt, 15,5 Hektar für drei Ausbildungshallen, die eigentlich in der Donnerberg-Kaserne im nahen Eschweiler gebaut werden sollten, dort aber wegen Bergbauschäden scheiterten. Dazu Flächen für neue Waffensysteme und für die Grundausbildung im neuen Wehrdienst.
Die Technische Schule des Heeres, die für die gesamte Bundeswehr Instandsetzer ausbildet, soll wachsen. Über eine Milliarde Euro will der Bund in den Standort investieren; ihr Kommandeur, Brigadegeneral Stephan Kurjahn, nannte die Erweiterung in einem Zeitungsinterview „zwingend“ und verwies auf das Jahr 2029.
Dann, so heißt es aus Nato-Kreisen immer wieder, müsse man mit einem Angriff Russlands rechnen. Und wenn nicht dann, so im Folgejahr 2030. Ganz sicher.
Aachens Verwaltung widerspricht den Bauplänen
Aachens Oberbürgermeister Michael Ziemons (CDU), der nach eigenen Worten manches erst aus der Zeitung erfahren hatte, wählte eine Formulierung, die Stadtoberhäupter selten benutzen müssen: „Wir sind raus, auf unserem eigenen Stadtgebiet.“
Seine Verwaltung reagierte trotzdem – mit einer achtseitigen Stellungnahme samt Fachgutachten. Die Wasserbehörde warnte, das Rückhaltebecken im Grüngebiet schütze bislang vor wiederkehrenden Hochwassern. Und ausgerechnet auf dem begehrten Flurstück sei ein weiteres Becken vorgesehen. Daran muss man erinnern: Die Städteregion Aachen wurde Mitte Juli 2021 von einem verheerenden Hochwasser teils schwer verwüstet. […]
Örtlicher Widerstand
Die Deutsche Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen hatte am gestrigen Sonntag (11.10.) zu einem Protestspaziergang rund um das geplante Gebiet für den Neubau einer Großkaserne in der Aachener Beverau eingeladen. Statt der angemeldeten 50 Teilnehmer folgten etwas mehr als 260 Bürger*innen jeglichen Alters dem Aufruf. Unter Mitwirkung mehrerer Aktivist*innen unserer Ortsgruppe, einer Ärztin der IPPNW Aachen, der politischen Kabarettgruppe „Muita Merda“ und der letzte Woche neu gegründeten BI „Rettet den Eselsweg“ wurden den Teilnehmenden zahlreiche antimilitaristische und ökologische Argumente gegen das Großprojekt nahe gebracht. Der aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig leider verhinderte Waldpädagoge Michael Zobel zog in einem gestern dann verlesenen Statement eine Parallele zum bürgerschaftlichen Kampf um den Hambacher Forst: „Da schien auch alles verloren, aber tausende aktiver Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen haben mitgeholfen, dass heute immer noch ein bedeutender Teil des Waldes steht. Und so wird es auch hier, ich bin davon überzeugt, wenn wir alle mithelfen, dann wird es bald heißen: Beverau bleibt!!!“
Quelle: DFG-VK Aachen
