Ökozid im Westjordanland
Artikelübernahme aus: https://dienichtvergisst.blog/2026/02/25/okozid-in-masafer-yatta/ von Maria Reicher-Marek
Bild: Spuren einer Substanz, die von israelischen Siedlern mit Hilfe von Drohnen über palästinensischen landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht wurde.
Masafer Yatta ist die südlichste Region des von Israel seit 1967 besetzen Westjordanlandes. Palästinenser leben hier seit Generationen als Bauern und Viehhirten in kleinen Dörfern.
Israel versucht seit Jahrzehnten, die palästinensische Bevölkerung von dort zu vertreiben. Eine seit langem praktizierte Methode dafür ist die fast ausnahmslose Verweigerung von Baugenehmigungen für PalästinenserInnen und die Demolierung jener Gebäude, die zwangsläufig ohne Baugenehmigung errichtet wurden. In der Regel handelt es sich dabei um sehr einfache Wohnhäuser, landwirtschaftliche Gebäude oder Dorf-Infrastruktur, zum Beispiel Schulen.
Zeitgleich sprießen in derselben Gegend illegale jüdische Siedlungen wie die Pilze aus dem Boden. Der mit einem Oscar ausgezeichnete palästinensisch-israelische Dokumentarfilm No Other Land zeigt eindrücklich den zermürbenden Widerstand der Dorfbewohner gegen die Bürokratie des israelischen Apartheit-Systems und die Angriffe der gewalttätigen jüdischen Siedler.
No Other Land wurde vor dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 gedreht. Seither hat sich die Lage für die palästinensische Bevölkerung in Masafer Yatta – und eigentlich im gesamten Westjordanland – noch einmal drastisch verschlechtert.
Zahllose Berichte habe ich gelesen über Angriffe auf Menschen (bis hin zum Mord), über Diebstahl, Raub, Vandalismus und Brandlegung. Auch die Zerstörung landwirtschaftlicher Flächen ist nichts Neues: Eingebrannt in mein Gedächtnis haben sich Bilder von brennenden Feldern, ausgerissenen Setzlingen und Olivenbäumen, die umgeschnitten oder mit einem Bulldozer entwurzelt wurden. Neu ist für mich aber der Einsatz von Gift. Hier ein aktueller Bericht darüber:
„Die chemische Kriegsführung der Siedler weitet sich aus. Inzwischen wurden Hunderte von Dunam mit einer verdächtigen chemischen Substanz besprüht, die Pflanzen umbringt (siehe Foto). [1 Dunam = ca. 919 m2]. […] Es gibt auch mehrere Berichte […] über Schafe, die ohne erkennbaren Grund verendet sind oder Fehlgeburten erlitten. Die Ausbringung des Gifts erfolgt meist mit Drohnen. Drohnen, die groß genug für die Ausbringung von Chemikalien sind, brauchen eine Fluggenehmigung der Armee, und ihre Flüge werden von der Armee überwacht. Es wäre also im Prinzip leicht für die Polizei und die Armee, die mutmaßlichen Täter zu ermitteln, wenn sie daran Interesse hätten. Aber die Polizei ist nicht einmal bereit, Bodenproben zu nehmen.“
Dies ist ein Ausschnitt aus einem Bericht über gegen Palästinenser gerichtete Aktionen in Masafer Yatta im Zeitraum von 6. bis 12. Februar. Hier die Bilanz einer einzigen Woche:
- Am 6. Februar entleerte ein Siedler den Wassertank einer Familie in Tuba.
- Ebenfalls am 6. Februar stahlen Siedler in Umm al-Kheir ein Auto.
- Am 7. Februar zerstachen israelische Soldaten alle Reifen von zwei Autos.
- Am 8. Februar zapften Siedler eine palästinensische Wasserleitung an und leiteten das Wasser zu ihrem Außenposten.
- Ebenfalls am 8. Februar stoppte die Armee die Errichtung eines Fußballplatzes in Umm al-Kheir.
- Am 10. Februar demolierte die Armee fünf Häuser und konfiszierte ein Zelt. Dabei wurde ein Lamm überfahren.
- Am 11. Februar demolierten Siedler ein Auto.
Darüber hinaus:
„Auch in dieser Woche gab es wieder Dutzende von Invasionen in palästinensische Gemeinden mit Tierherden, dazu Angriffe und Pogrome von Siedlern, Soldaten und Siedlersoldaten. Allein am 6. Februar gab es 15 Angriffe und Invasionen. Dabei wurden fünf Palästinenser festgenommen (einer von ihnen wurde später blutend auf eine Straße geworfen) und weitere acht wurden inhaftiert. […] Wie es schon zur Routine geworden ist, entführen Siedler der „Farm-Patrouillen-Einheit“ bei solchen Überfällen palästinensische Einwohner und legen diese einige Stunden später irgendwo in der Gegend ab, nachdem sie sie geschlagen und misshandelt haben. Dem Gesetz nach dürften Soldaten Menschen eigentlich nur festnehmen, um sie zum Zweck einer Ermittlung zur Polizei zu bringen. Doch in Masafer ist das einzige Gesetz die jüdische Vorherrschaft, und Palästinenser zu schikanieren fällt unter dieses Gesetz. Daher wurde natürlich keiner der Angreifer festgenommen oder verhört.“
Das ist der Alltag für PalästinenserInnen im besetzten Westjordanland. Nichts Dramatisches, nichts, das Schlagzeilen machen würde. Nur täglicher Terror und Schikane.
Der obige Bericht wurde am 16. Februar gepostet, und zwar auf der Webseite von Ta’ayush. Ta’ayhush ist eine antizionistische arabisch-jüdische Organisation. Auszug aus ihrer Selbstbeschreibung:
„Im Herbst 2000 schlossen wir uns zusammen, um ‚Ta’ayush‘ zu gründen. ‚Ta’ayhush’ ist arabisch für ,zusammenleben‘. Wir sind eine Graswurzelbewegung aus Arabern und Juden. Wir arbeiten daran, die Mauern des Rassismus und der Apartheit niederzureißen, indem wir eine echte arabisch-jüdische Partnerschaft aufbauen. Gemeinsam streben wir nach einer Zukunft der Gleichheit, der Gerechtigkeit und des Friedens. Dies versuchen wir zu erreichen durch konkrete, tägliche gewaltfreie Handlungen der Solidarität, um die Besatzung der palästinensischen Gebiete zu beenden und volle bürgerliche Gleichheit für alle zu erlangen.“
Englische Originalquelle: Quelle: https://taayush.org/?p=6513
