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. Globale Erwärmung | Klima und Umwelt global

Alarmstufe Rot

11.09.202104.12.2025

von Karl-Heinz Peil (11.9.2021)

Der Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 18/2021 der Zweiwochenschrift Ossietzky (11.9.2021) und ist die vom Autor vorgenommene redaktionelle Bearbeitung des englischsprachig verfassten Beitrags:
IPCC-Reporting, Tipping Points and Global Security

Bereits in seiner Neujahrsbotschaft 2018 erklärte der UN-Generalsekretär António Guterres wörtlich: »Ich rufe Alarmstufe Rot für unsere Welt aus.« Guterres erinnert an die »Rückkehr zur Angst vor einem Atomkrieg«, an den Klimawandel, an die »wachsende Ungleichheit zwischen arm und reich«, an »zunehmenden Nationalismus« und an »Fremdenfeindlichkeit«.

Mit dem vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) am 9. August 2021 veröffentlichten Bericht zur globalen Erwärmung sagte Guterres (sich wiederholend), dieser Bericht sei nichts weniger als »die Alarmstufe rot für die Menschheit. Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend, und die Beweise sind unwiderlegbar.« Der neue Bericht wurde von 234 Autoren aus 65 Ländern verfasst und berücksichtigte mehr als 78.000 Kommentare. Manch einer mag sich fragen: Hat die IPCC-Arbeitsgruppe die globale Erwärmung im Vergleich zum vorherigen Sachstandsbericht von 2014 unterschätzt? Die Antwort lautet aufgrund der Komplexität des Themas weder ja noch nein. Dazu muss man den grundlegenden Ansatz zur globalen Erwärmung und die Korrekturen gegenüber früheren Berichten verstehen. Bereits vor mehr als 20 Jahren wurde vom IPCC ein Kriterium eingeführt, das die Vorhersagen kompliziert macht: Kipppunkte. Diese spielen eine zentrale Rolle bei den Unsicherheiten von Modellierungen und berechneten Szenarien zur Berechnung des Anstiegs von Treibhausgasen. Bereits die Überschreitung eines einzelnen Kipppunktes kann die Beschleunigung der globalen Erwärmung unumkehrbar machen. Das Problem hierbei ist, dass die Wissenschaft nicht weiß, wo diese Grenzwerte liegen und wann diese überschritten werden. Noch weniger Gewissheit besteht nach wie vor über klimatische Rückkopplungen und eventuell abrupte Veränderungen. Beispiele dafür sind Gletscherschmelzen, der Eisschild Grönlands und der Golfstrom. Auch der neue IPCC-Bericht enthält deshalb nur Einschätzungen zwischen geringer und hoher Wahrscheinlichkeit von identifizierten Kipppunkten. Sicher ist aber nach dem jüngsten IPCC-Report, dass einige Kipppunkte bereits überschritten wurden.

Auch im Zusammenhang mit der globalen Militarisierung muss über Kipppunkte gesprochen werden. Wir wissen, dass die Höhe der Militärausgaben weitaus mehr finanzielle und andere Ressourcen in Anspruch nimmt als Investitionen in erneuerbare Energiesysteme und andere Ausgaben zur Vermeidung von Treibhausgasen. Diese Ausgaben fehlen bei der Bekämpfung der globalen Erwärmung. Darüber hinaus verursachen militärische Aktivitäten selbst sehr große Mengen an Treibhausgasen. Vor allem das US-Militär hat Flugzeuge und Kriegsschiffe auf der ganzen Welt und rund um die Uhr mit einem hohen Verbrauch an fossilen Brennstoffen im Einsatz. Folglich trägt die Militarisierung nicht unwesentlich direkt zur globalen Erwärmung bei.

Was wir hingegen nicht wissen, ist entscheidender und ähnelt der globalen Erwärmung und den Kipppunkten: Lokale Ereignisse können einen globalen Krieg auslösen. Dieses zeigt ein Blick in die Geschichte. Im Jahr 1914 begann der Erste Weltkrieg. Die politische Situation war in gewisser Weise vergleichbar mit den globalen Auseinandersetzungen heute. Das Attentat in Sarajewo schließlich war ein regionales Ereignis, das den globalen Krieg auslöste.

Heute erzeugt die globale Militarisierung zahlreiche lokale Kipppunkte. So deuteten bereits in der Vergangenheit Computerfehler auf einen bevorstehenden Atomwaffenangriff hin, eine Fehlfunktion, die durch menschliche Entscheidungen noch korrigiert werden konnte. Künftig werden aber autonome Waffen und automatisierte Entscheidungen derartiges nicht mehr korrigieren und dadurch weitere Kipppunkte schaffen. Hinzu kommen Provokationen mit Kriegsspielen, so wie bei Kriegsübungen an der russischen Grenze oder die bewusste Verletzung von Seegrenzen durch Nato-Kriegsschiffe.

Doch anders als im komplexen globalen Ökosystem könnten solche Kipppunkte mit einem auf Multilateralismus basierenden Konzept der globalen Sicherheit beseitigt werden. Der IPCC-Bericht spricht die Ernährungs(un)sicherheit als ein primäres, wachsendes Problem an, das auch ein eigenes Ziel (Nr. 2: Null Hunger) innerhalb der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) hat, die 2015 von allen UN-Mitgliedern mit dem Zeithorizont 2030 verabschiedet wurden. Die SDGs enthalten 16 Einzelziele und nicht zuletzt die Nr. 17: Partnerschaften zur Erreichung der 16 Einzelziele. Die Frage ist deshalb: Wie weit sind wir von diesem Ziel und einer nicht-exklusiven globalen Zusammenarbeit entfernt?

Im November 2019 riefen die Außenminister Frankreichs und Deutschlands eine »Allianz für Multilateralismus« ins Leben, »ein informelles Netzwerk von Ländern, die in ihrer Überzeugung vereint sind, dass eine regelbasierte multilaterale Ordnung die einzige verlässliche Garantie für internationale Stabilität und Frieden ist und dass unsere gemeinsamen Herausforderungen nur durch Zusammenarbeit gelöst werden können«. Obwohl fast 50 Länder diesem Bündnis beigetreten sind, dient es keinem anderen Zweck als der Aufrechterhaltung des US-amerikanischen Unilateralismus, neu belebt mit den transatlantisch ausgerichteten imperialen Ambitionen Deutschlands und Frankreichs. Zum Vergleich: 2017 haben 122 Nationen in der UN-Generalversammlung den Vertrag über das Verbot von Atomwaffen unterzeichnet.

Doch die Propaganda einer »regelbasierten multilateralen Ordnung« und ein selektiver Blick auf die Menschenrechte sind nur ein Hindernis auf dem Weg zu echtem Multilateralismus und internationaler Zusammenarbeit. Parallel dazu entwickeln Deutschland und Frankreich ein »Future Combat Air-Striking System (FCAS)«. Mit einem Aufwand von weit über hundert Milliarden Euro soll es ein digitales Netzwerk mit Kampfjets und Drohnen in der Luft sowie Panzern am Boden geben. Niemand weiß, gegen welche Art von Feind dieses System nützlich sein soll, dessen Einsatzbereitschaft nach dem Jahr 2040 anvisiert ist. Sicher ist nur: Wenn die militärischen Kipppunkte nicht in den nächsten Jahren einen globalen Krieg auslösen, wird der Hauptfeind der globalen Militarisierung die zerstörerische Kraft der Natur sein – lange vor dem Jahr 2040. Der US-Autor Michael T. Klare hat in seinem 2019 erschienenen Buch »All Hell Breaking Loose« analysiert, wie sich das Pentagon um die globale Erwärmung mit den Risiken eines steigenden Meeresspiegels und tropischer Stürme sorgt. Sinngemäß bedeutet »All Hell Breaking Loose«: Ein plötzlich notwendiger Einsatz an mehreren, unterschiedlich gelagerten Fronten gleichzeitig, der zwangsläufig zu einer völlig chaotischen Einsatzplanung führt.

Im Pentagon ist man sich bewusst, dass die meisten US-Militärbasen auf der ganzen Welt sensible Standorte haben, vor allem in der Karibik und im westlichen Teil des Pazifiks. Das US-Militär wäre nicht in der Lage, mehrere Einsätze gleichzeitig zu bewältigen, wenn durch die globale Erwärmung beschleunigte Wirbelstürme/Taifune, Pandemien, Dürren und Nahrungsmittelknappheit in ethnisch gespaltenen Nationen zu Konflikten und Katastrophensituationen führen. Michael T. Klare beschreibt in seinem Buch mehrere ähnliche Szenarien, die sich in der Vergangenheit bereits ereignet haben, basierend auf Dokumenten und Gesprächen mit Mitarbeitern des Pentagon. Die Fortsetzung der globalen Militarisierung bedeutet deshalb, auf die Auslöschung der Menschheit oder zumindest auf die natürliche Zerstörung der globalen US-Militärbasen zu warten.

Die global agierende Friedensbewegung hat also gute Argumente für Menschen, die sich auf den Kampf für einen Systemwechsel gegen den Klimawandel konzentrieren. Es herrscht »Alarmstufe Rot«.

Erstens gibt es bei der globalen Militarisierung ebenso Kipppunkte wie beim globalen Ökosystem. Ein globaler Krieg durch nicht vorhersehbare Zufälle wird immer wahrscheinlicher.

Zweitens beschleunigt die globale Militarisierung die globale Erwärmung durch regionale Ernährungsunsicherheit und militärische Konflikte. Regionale Sicherheit erfordert globale Zusammenarbeit und Multilateralismus für globale Sicherheit.

Schließlich wird die Zukunft gewaltige öffentliche Ausgaben für die Folgekosten der Massenvernichtung durch Naturkatastrophen erfordern, die durch die globale Erwärmung ausgelöst werden. Massenvernichtungswaffen werden das Ende der Menschheit bedeuten, direkt oder indirekt. Abrüstung oder weitere Aufrüstung entscheiden deshalb über die weitere Existenz oder den Untergang der Menschheit.

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