Seltene Erden: Hybrider Krieg unter Freunden?
Ralph Bossard veröffentlicht regelmäßig fundierte Analysen zu geopolitischen Themen. Sein Beitrag „Hybrider Krieg unter Freunden?“, veröffentlicht am 10.2.2026 bei Globalbridge.ch beinhaltet eine Analyse über die geopolitischen Auseinandersetzungen um Grönland, neuen Rüstungswettlauf und die global verfügbaren Lagerstätten von Seltenen Erden. Der Kampf um den Zugriff auf Seltene Erden und andere als strategisch wichtig angesehene Ressourcen wurde bereits in vorausgegangenen Beiträgen kurz angerissen:
Hier nun einige Auszüge aus der umfangreichen Analyse von Ralph Bossard, die sich speziell mit der Ressourcenausbeutung befassen:
[…]Haltet Europa sauber – verdreckt andere Länder.
Eine andere Spur führt zu den Metallen der Seltenen Erden – vereinfachend oft Seltenerden genannt – die auf Grönland gefunden wurden. Zu diesen gehören insgesamt 17 chemische Elemente mit chemischen und physikalischen Eigenschaften, die sie für die Herstellung von Medizintechnik wie Laserchirurgie und MRT-Scanner, für Technologie der Stromproduktion, für Elektroantriebe, sowie für wichtige militärisch relevante Technologien unerlässlich machen (9). Zukünftig könnten Seltene Erden auch bei der Herstellung von Dampfturbinen und Flugzeugtriebwerken Verwendung finden (10). Obwohl die Elemente in der Erdkruste relativ häufig vorkommen, sind sie selten in wirtschaftlich abbaubarer Konzentration zu finden. Die weltweit größten bekannten Vorkommen an Seltenen Erden befinden sich in China, insbesondere in der Bayan-Obo-Mine in der Inneren Mongolei. Mit 35 bis 44 Millionen Tonnen Reserven ist das Land führend, gefolgt von Vietnam, Brasilien, Russland, Indien und Südafrika (11).
Waren früher die USA weltweit Marktführer in der Förderung und Verarbeitung Seltener Erden, so dominiert heute China den Markt mit ca. 70 Prozent der Weltförderung und 90 Prozent der Verarbeitung (13). Das hat viel mit dem Verhalten des Westens zu tun: Viele Länder haben den Abbau wegen hoher Umweltbelastungen und Kosten lange China überlassen. Dadurch vermochte China praktisch alle anderen Anbieter zu verdrängen. Die Chinesen waren in der Lage, beinahe eine Monopol-Stellung entlang der gesamten Wertschöpfungskette aufzubauen – vom Abbau und der Raffination bis hin zur Herstellung von Endprodukten. Zwischen 2020 und 2023 waren die USA für 70 % ihrer Importe von Seltenerdverbindungen und -metallen auf China angewiesen, Europa fast zu 100%.
Als Reaktion auf die von Washington im April vergangenen Jahres verhängten Zölle begann China, die Ausfuhr von sieben Seltenerdmetallen zu beschränken – die meisten davon sind als sogenannte „schwere“ Seltenerden bekannt und für den Rüstungssektor von entscheidender Bedeutung (14). Seitdem benötigen alle Unternehmen spezielle Exportlizenzen, um selbst geringe Mengen von Seltenerden aus China auszuführen. Ferner müssen sie deren Verwendungszweck darlegen. Als Unterzeichnerstaat des internationalen Atomwaffensperrvertrags hat China die gesetzlichen Befugnisse, um den Handel mit Gütern mit doppeltem Verwendungszweck, zu denen die Seltenerden eben gehören, zu kontrollieren.
Grönland als Opferlamm
Die hohen Umweltbelastungen, welche mit der Förderung Seltener Erden verbunden sind, lassen großen Widerstand von Naturschützern erwarten, wenn neue Fördergebiete erschlossen werden sollen. Sie können langwierige und teure Gerichtsverfahren in Gang setzen oder hohe Geldbeträge für einen Vergleich fordern. Von Vietnam, Brasilien und Indien ist generell wenig Kooperation zu erwarten. In Schweden, Kanada und Australien werden die Umweltschützer nicht so leicht nachgeben und den Rechtsweg durch alle Instanzen gehen, um neue Projekte zu verhindern.
Nicht anders verhielt es sich in Grönland. Das Abbaugebiet im grönländischen Kvanefjeld ist eines der weltweit größten, unerschlossenen Vorkommen an Seltenen Erden, insbesondere von Neodym, Praseodym, sowie von Uran, und hat das Potenzial, 20 bis 30 % des globalen Bedarfs an kritischen Seltenen Erden zu decken – und damit die marktführende Stellung Chinas zu beenden. Der Abbau begann 2016 mit einer Pilotanlage. Das Projekt stockt jedoch aufgrund von Umweltbedenken hinsichtlich radioaktiver Abfälle. Die grönländische Regierung hat deshalb ein Abbauverbot verhängt. Seit 2021 ist deswegen ein Rechtsstreit in Gang. Das Projekt liegt in den Händen der Firma Energy Transition Minerals Ltd (früher Greenland Minerals Limited), an welcher das chinesische Unternehmen Shenghe Resources einen Anteil von 7 % hält. Das wird wohl der Punkt sein, der Donald Trump so massiv stört (15).
[…]Auch die Ukraine besitzt bedeutende, aber weitgehend unerschlossene Vorkommen an Seltenen Erden wie z.B. Neodym und Scandium, sowie an kritischen Rohstoffen wie Titan, Lithium und Graphit, in einem Wert von geschätzt bis zu 11½ Billionen Dollar. Deshalb schlossen die USA im Jahr 2025 Abkommen, welche ihnen den Zugang zu diesen Rohstoffen sichern. Mancher Kommentator sprach damals von der Plünderung der Ukraine (16). Aufgrund des hohen Vorkommens, insbesondere im Osten, sind diese Ressourcen zentraler Bestandteil geopolitischer Interessen. Die Hauptvorkommen liegen allerdings im Südosten des Landes und im Donbass: Etwa 40 % der bekannten Vorkommen liegen in russisch besetzten Gebieten. Solange der Krieg andauert, ist an einen Beginn der Förderung nicht zu denken. Erst dann kann die Infrastruktur für die Förderung erstellt werden. Immerhin dürfte Washington davon ausgehen, dass der Widerstand von Umweltschützern in der Ukraine dank willfährigen und auch korrupten Regierungen schnell überwunden werden kann. Die Ukraine könnte somit eine Schlüsselrolle bei der Diversifizierung der Rohstoffversorgung für westliche Hightech-Industrien spielen. Aber auch hier wird es viele Jahre dauern, bis die begehrten Erze aus dem Boden gegraben werden können (17). […]

